Rosmarie und die Hundert-Jahre-Wahl – #WritingFriday, KW 38

writing-friday[1]

 

Diese Aktion wurde von ELIZZYs #WritingFriday von ihrem Blog read books and fall in love ins Leben gerufen. Hier ist mein Beitrag für diese Woche.

Gewähltes Monatsthema:
Schreibe aus der Sicht von Dornröschen, die über 100 Jahre lang geschlafen hat und im Jahr 2019 wieder erwacht.

Am 1. September des Jahres 1903 wurde im Waldschloss Eckdornheck der Grafenfamilie ein Mädchen geboren, das sie Rosmarie nannten.

Während die Mutter in den Wehen lag, hatte der Vater alte Bücher über Feen in der Gegend durchgewälzt. Und schließlich fragte er die Mutter:
„Glaubst du, dass es tatsächlich Feen in unserer Umgebung gibt?“
Und seine Gattin erwiderte:
„Ich hatte neulich eine Vision von zwölf oder dreizehn Feen – aber sicherlich nur ein Traum!“
„Ich bin nämlich von einer Mischung aus Waldmeister und Opium gelesen, mit der man solche Wesen herbeirufen kann!“
„Dann versuche es doch einmal!“

Und er mischte Waldmeister mit Opium, schüttete die Mischung in ein steinernes Gefäß und sprach:
„Bitte erscheint, ihr zwölf Feen!“

Er drehte sich im Kreis, und dabei erschienen hintereinander die Feen und wünschten dem Neugeborenen Glück aller Art. Nachdem die elfte ihren Spruch gesagt hatte, erschien die zwölfte, doch da musste der König kurz husten. Während dieses Hustens trat noch eine dreizehnte, mit grünschwarzen Haaren, in Erscheinung und sagte:
„An mich habt ihr nicht gedacht – dafür wünsche ich dem Mädchen etwas: Ihre Söhne sollen, wenn sie in den Krieg ziehen, darin umkommen!“
Dann verschwand sie wieder, und übrig blieb nur noch die zwölfte Fee, mit schwarzblauen Haaren, und sprach:
„Aufheben kann ich diesen Spruch nicht, ihn aber abmildern: Ich sehe es kommen, dass ein Krieg ausbricht, wenn sie genau 36 Jahre alt wird; viel weiter kann ich nicht blicken. Aber ich kann bewirken, dass sie sich an ihrem 16. Geburtstag an einer Nadel sticht und danach 100 Jahre schläft!“

Sechzehn Jahre später hatten die Menschen gerade einen Krieg hinter sich und glaubten nicht, dass es noch einmal zu so etwas komme. Daher achteten Rosmaries Eltern auch nicht mehr so sehr wie früher darauf, dass keine Nadeln im Schloss sichtbar wären.

So entdeckte Rosmarie, als die Feiern für ihren 16. Geburtstag vorbereitet wurden und sie daher nicht in den Schlosssaal durfte, ein unfertiges Kleid, in dem noch ein paar Nadeln steckten. Die Näherin hatte wohl gerade etwas anderes zu tun, jedenfalls konnte Rosmarie nicht widerstehen, eine der Nadeln aus dem Kleid zu reißen, um ein wenig damit zu spielen. Da wurde sie in den Festsaal gerufen.

Als sie zwischen ihren Eltern an der Tafel saß, kam unter anderem zur Sprache:
„Noch ein paar weitere Jahre, Rosi, dann darfst auch du den Reichstag mit wählen!“

Denn in diesem Jahr war das Frauenwahlrecht im Deutschen Reich eingeführt worden, freilich noch nicht mit sechzehn. Da sagte sich Rosmarie: „So etwas, erst in ein paar Jahren!“
Und sie stach sich instinktiv mit der Nadel in den Finger – und fiel sofort in einen tiefen Schlaf, und das ganze Schloss mit ihr. Zudem wuchs eine Dornenhecke um das Schloss.

So verschlief sie, dass an ihrem 36. Geburtstag der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Und im Jahr 2019 spürte sie einen Kuss auf ihrer Stirn und schlug die Augen auf. Sie blickte in die Augen eines jungen Mannes, der aber seltsam gekleidet war! Sie fragte sogleich:
„Wer seid ihr?“
Und er erwiderte:
„Ich heiße Hubert Ritter und bin der neue Förster in diesem Wald. Die Dornenhecke sah nach den beiden vergangenen Sommern schon ziemlich verdorrt aus, da habe ich schon einen Teil weggeschnitten – und prompt dieses Schloss erblickt!“
„Und welches Jahr haben wir jetzt?“
„2019, gnädige Frau!“

Die Schätze im Schloss ermöglichten es den nun wieder erwachten Bewohnern, sich allerhand Lehrer und sonstige Berater kommen zu lassen, die sie in die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts eingliederten.

Rosmarie jedoch konnte den jungen Förster nicht vergessen, und an ihrem 18. Geburtstag rief sie ihn an – Telefone hatten sie schließlich vor hundert Jahren auch schon gehabt! Im Grunde war es vielleicht auch ihr 118. Geburtstag – egal, in Kürze jedenfalls würde sie bei der Bundestagswahl 2021 erstmals wählen können!

Einige Jahre später, nachdem sie viel gelernt und vom Vermögen ihrer Familie eine Nadelfabrik gekauft hatte, gebar Rosmarie sich und ihrem Förstergatten auch einen Sohn. Ob dieser Sohn einmal einen Krieg erleben wird, kann noch keine Fee voraussehen. Es ist zumindest nicht zu hoffen …

 

6 Gedanken zu “Rosmarie und die Hundert-Jahre-Wahl – #WritingFriday, KW 38

  1. Wollen wir hoffen, dass eine schützende Fee über den Sohn wacht…
    Danke dir; eine gelungene Geschichte.
    Auch ich hatte gestern das Dornröschen – und dabei Altes und Neues verknüpft. Falls du es noch nicht gesehen hast: Hier https://mutigerleben.wordpress.com/2019/09/20/writing-friday-dornroeschen/ findest du sie.
    Ich wünsch dir einen entspannten Abend und ein wunderbares Restwochenende.
    Herzlich
    Judith

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