Alles noch wegen einer Bombe – #WritingFriday, KW 6

writing-friday[1]

Diese Aktion wurde von ELIZZYs #WritingFriday von ihrem Blog read books and fall in love ins Leben gerufen. Hier ist mein Beitrag für diese Woche.

Gewähltes Monatsthema:
Erwin, ein 74 jähriger Senior, entreißt von zu Hause – erzähle von seinem Abenteuer. (Bedenke dabei, er wird nach nur 17 Stunden wieder gefunden und nach Hause gebracht.)

„Schwester Angelina ist also nicht mehr“, dachte sich Erwin, als er so in seinem Zimmer saß. Ein paar Tage vorher hatte er noch mit seinen Kindern seinen 74. Geburtstag gefeiert – ob er den 75. noch erleben würde?
Schwester Angelina war immer seine Lieblingsschwester gewesen in diesem Heim, immer wieder hatte sie einen lustigen Spruch auf den Lippen. Und nun war sie einer Fliegerbombe zum Opfer gefallen, wie er einem Gespräch der Heimleiterin mit Schwester Lilly entnommen hatte. Diese Schwester mochte er weitaus weniger, sie hatte nie Zeit für einen. Gab es das denn wirklich noch? Irgendwie hatte er es in Erinnerung, dass der Krieg zu Ende ging, noch bevor er ein Jahr alt wurde. Das Haus seiner Eltern war allerdings von so einer Bombe zerstört worden. Da mussten sie aus ihrer Heimat fliehen, und auf dieser Flucht wurde er geboren, direkt auf dem zugefrorenen See am Stadtrand.
Jetzt war der Krieg also zurückgekehrt – aber diesen See wollte er noch einmal sehen, wohin er mit seiner Familie Sonntags so viele Ausflüge unternommen hatte.

Erst einmal kam er nicht dazu, denn Schwester Lilly brachte ihm das Abendessen; und gleich, nachdem er aufgegessen hatte, wollte sie ihn ins Bett bringen.
Er wollte widersprechen:
„Heute Nacht müssen wir in den Keller! Wie bei meinen Eltern!“
„Ach, Unsinn“, sagte sie. „Die sind doch längst tot. Aber wenn Sie noch nicht wollen, kann Sie auch die Nachtschwester ins Bett bringen!“
So ließ sie ihn sitzen. Bis die Nachtschwester nach ihm sah, konnten noch Stunden vergehen, da konnte er durchs Fenster abhauen!

Zum Glück lag sein Zimmer im Erdgeschoss, so holte er sich nur ein paar Schrammen. Den Weg zum See fand er auch im Dunkel im Schlaf.
Wieder einmal war der See zugefroren, genau wie bei seiner Geburt, wie man ihm erzählt hatte. Auf der Bank ließ es sich bequem sitzen, bis in den Mittag des nächsten Tages hinein. Passiert war jedenfalls immer noch nichts!

Doch nun hörte er die Stimmen seiner Tochter und seines Sohnes: „Papa!“, riefen sie. „Da bist du tatsächlich!“
„Die Heimleitung hat es heute Morgen schon versucht, uns zu erreichen; aber wir waren alle nicht zu Hause!“
Doch er starrte nur auf eine andere Person.
„Sind Sie von den Toten auferstanden, Angelina?“, fragte er die Schwester, die mit seinen Kindern gekommen war.
„Aber nein; wie kommen Sie denn darauf?“, erwiderte sie. „Kommen Sie jetzt besser mit, Sie erfrieren hier sonst noch!“
„Ich hörte, Ihr Haus wäre von einer Bombe getroffen worden, wie das Haus meiner Eltern!“, sagte er, und sie entgegnete:
„Der Krieg ist doch lange vorbei! Aber gestern wurde auf meinem Weg eine Fliegerbombe entschärft, da konnte ich nicht in die Stadt fahren, die Heimleitung hat mir frei gegeben!“
Und seine Kinder sagten:
„Jetzt komm bitte wirklich mit!“
„Und nächsten Sonntag besuchen wir dich. Da gehen wir wieder zum See, sehen, ob er noch zugefroren ist!“

 

2 Gedanken zu “Alles noch wegen einer Bombe – #WritingFriday, KW 6

  1. Hey Norbert,
    irgendwie traurig und schön. Traurig, weil Erwin den Krieg mit sich nimmt und schön, weil er Leute hat, die sich um ihn sorgen. Ist ja in so Heimen leider nicht immer der Fall.
    Grüße, Katharina.

    Gefällt 1 Person

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