Aktion #WritingFriday – KW 25 – Gwenny hatte nun endlich begriffen, dass sie weggehen musste.

writing-friday[1]Gwenny hatte nun endlich begriffen, dass sie weggehen musste. Nicht nur, weil es ihr in ihrem Elternhaus immer wieder zu eng wurde, sondern auch, weil sie ihren Zwillingsbruder Gwunny suchen musste, dazu fühlte sie sich verpflichtet. Ihre Eltern waren für manche Strapaze schon zu alt, deshalb blieb diese Obliegenheit an ihr hängen. Zumal sie auch immer wieder spüren konnte, wie es ihrem Zwillingsbruder gerade erging, auch wenn sie weit voneinander entfernt weilten.

So packte sie nachts ein paar Sachen heimlich zusammen, vor allem Proviant und Geld. Sie hatte die Ahnung, dass Gwunny schon weit gefahren war, bevor er eventuell gefangen genommen wurde.

Zum Glück streikten die Lokführer gerade nicht, und sie konnte sicherlich so weit fahren, wie sie wollte. Auch beim Studieren des Fahrplanes half ihr ihre spezielle Intuition – ein bestimmter Zug leuchtete für einen kurzen Moment violett auf dem gelben Fahrplan, so als wollte ihr Zwillingsbruder ihr anzeigen, dass sie diesen Zug nehmen musste!

Ein paar Stunden passierte nicht viel, weder im Großraumwagen, noch im Bordrestaurant. Aber dann, nach etwa sechs Stunden Fahrt, leuchtete für einen Moment das Schild des Ortes, in dem der Zug gerade hielt, in einem hellen Grün. Da wusste sie, hier in der Nähe musste ihr Bruder sich aufhalten!

Allerdings war es bereits zu spät, der Zug setzte sich schon wieder in Bewegung. Sie konnte noch erkennen, dass dieser Ort „Zaubern am See“ hieß. Von diesem Kaff hatte sie noch nie gehört. Aber ihr Bruder liebte Seen. Und der Ortsname „Zaubern“ war sicherlich nur eine Verballhornung, hatte mit Zauberei gewiss nichts zu tun.

Beim nächsten Halt stieg sie aus, hoffte, dass zumindest ein Bus nach diesem Zaubern am See fuhr. Nach einigem Suchen fand sie eine passende Linie, in knapp zwei Stunden. Und die Stationen vor Zaubern am See hießen Ynnewg und Ynnuwg – so hatten die Geschwister sich früher eine Zeitlang genannt, indem sie ihre Namen von hinten sprachen.

Schließlich kam der Bus, und Gwenny sagte zum Busfahrer:
„Einmal nach Ynnewg, bitte!“
Doch der Busfahrer erwiderte:
„Einen solchen Ort fahre ich nicht an!“
Da fragte Gwenny:
„Oder nach Ynnuwg, geschrieben mit Y?“
„Nein, auch nicht!“
„Oder nach Zaubern am See!“
Da sah der Busfahrer Gwenny an und meinte:
„Wollen Sie mich ver…“
Gwenny sagte schnell:
„Aber nach Spießhausen fahren Sie doch!“
Diese Station kam laut Fahrplan nach Zaubern am See, mit einigen Minuten Abstand.
„Ja, dorthin schon!“, sagte der Busfahrer und gab Gwenny einen Fahrschein.

Etwa zwanzig Minuten später, der Bus fuhr auf einer kurvigen Straße durch ein Waldstück, erblickte Gwenny eine Haltestelle und meinte die Bezeichnung „Ynnewg“ zu erkennen, und hinter der Kurve eine weitere Haltestelle. Da stand sie auf und drückte den Halteknopf.
„Wollen Sie hier raus?“, fragte der Busfahrer. „Hier ist doch weit und breit keine Haltestelle!“
„Ja, möchte ich!“, erwiderte sie, und der Bus hielt an und fuhr rasch weiter, nachdem sie ausgestiegen war.

Etwa hundert Meter musste Gwenny zu Fuß gehen, bis sie an der Haltestelle anlangte, auf der sie die Bezeichnung „Ynnuwg“ las.
Hinter ihrem Rücken vernahm sie eine tiefe männliche Stimme:
„Sehen Sie dort eine Haltestelle?“
Sie drehte sich um und erblickte einen jungen Mann mit schulterlangen schwarzen Haaren.
„Ja, wieso?“
„Weil nur Eingeweihte die Orte hier erkennen, für die anderen ist dies bloß ein einsames Waldstück!“
Jetzt endlich hörte sie eine bekannte Stimme:
„Ist gut, Waltan, das ist meine Schwester!“

Allerdings erkannte Gwenny ihren Bruder kaum wieder: Seine blonden Haare lagen unter einer violetten Kappe verborgen, und er ließ sich einen Bart wachsen.
Er sagte nun zu ihr:
„Da du hierher gefunden hast, bist offenbar auch du ausersehen, von hier aus zu wirken!“
„Also ist es wahr, dass wir von unserer Großmutter die – Zauberkräfte geerbt haben?“
„Es sieht so aus!“, meinte ihr Bruder. „Aber jetzt ist es erst einmal am besten, du kehrst vorerst nach Hause zurück und erzählst den Eltern, ich wäre …“
„Ich kann ihnen sagen, die Großmutter deines besten Freundes, die ein paar hundert Kilometer entfernt wohnt, wäre gestorben, und du wolltest deinem Freund beistehen!“
„Ja, das wäre gut! Dafür steigst du am besten morgen früh in Spießhausen in den Bus. Das ist nur einen Kilometer von hier entfernt, wir werden dich dorthin begleiten!“
Gwenny aß erst noch mit ihrem Bruder und übernachtete in einem Haus im Wald. Dieses Haus war mit einem solchen Grün angestrichen, dass es unter den Bäumen kaum auszumachen war.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich mit einer Umarmung, wobei sie wussten, dass Gwenny bald hierher zurückkommen würde.

 

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6 Gedanken zu “Aktion #WritingFriday – KW 25 – Gwenny hatte nun endlich begriffen, dass sie weggehen musste.

  1. Hallo Norbert,

    aww, eine süße Geschichte. Ich habe letzte Woche auch dieses Thema gewählt, aber bei mir kam eine ganz andere Geschichte zustande. Schon interessant, wie aus gleichen Anfangssätzen ganz unterschiedliche Werke werden können.

    Vielleicht hast du ja Lust, dir auch mal meinen Beitrag anzuschauen? https://emmaescamillablog.wordpress.com/2018/06/22/writingfriday-15-das-buch-der-wahrheit/

    Liebste Grüße und ein schönes Wochenende
    wünscht Emma

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Norbert,

    das ist eine interessante Abwandlung von Harry Potter und dem Gleis 9 3/4! Ich musste sehr grinsen. Jetzt würde es mich noch interessieren, welchen Wirkungskreis diese Zauberer haben und was genau sie tun. 🙂

    Gwenny als Teil eines Zwillingspaares darzustellen war eine schöne Idee, die bisher keiner der Teilnehmer hatte. Toll!

    Mein letzter Beitrag im Juni handelt von dem SPRECHENDEN BUCH.
    GlG, monerl

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Monerl,

      danke für den Kommentar! Mir kam beim Schreiben der Gedanke, dass man daraus etwas Längeres machen müsste, um alles noch näher zu erklären. So können Geschichten ein Eigenleben entwickeln 🙂

      LG Norbert

      Gefällt mir

    1. Hallo Katharina,

      danke für den Kommentar! Mir ist beim Schreiben auch schon der Gedanke gekommen, dass man daraus etwas Größeres machen müsste. Ganz sicher demnächst schon einmal auf Snipsl. So entwickeln Geschichten ein Eigenleben 🙂

      LG Norbert

      Gefällt 1 Person

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