Iris Krumbiegel: Tintentränen

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Dieses Buch besteht aus zwei großen Handlungssträngen:

Der eine behandelt Elsas Jugend in den Jahren von ca. 1933 – 1938, der zweite spielt in den Jahren 2014/15, als Elsa um die 95 Jahre alt wird; geschildert wird dieser Strang aus der Sicht ihres Enkels, außer am Schluss.

Einerseits ist dieses Buch etwas Besonderes, mit bemerkenswerten inhaltlichen Momenten, andererseits weist es auch ein paar Schwächen auf, vor allem in der Logik und beim Spannungsbogen im Gegenwartsteil.

Reizvoll fand ich die regelmäßige Abwechslung dieser Zeitebenen.

Die wichtigsten Figuren sind sehr gut charakterisiert; auch von vielen Nebenfiguren kann man sich gut ein Bild machen.

Der Teil mit Elsas Jugend ist durchweg spannend; es ist von Anfang an klar, dass sich die Lage früher oder später zuspitzen muss. Durch Listen, die der Sohn eines Nazis ausspioniert, erhält Elsa die Namen von Verfolgten, die demnächst verhaftet werden sollen. Nur bin ich nicht ganz sicher, ob dies über Jahre so funktioniert hätte; irgendwann hätte dieser Nazivater doch vorsichtiger damit werden müssen.

Der Gegenwartsteil ist dagegen weniger stringent. Hier erfährt der Leser nur sehr langsam, wer hier eigentlich spricht, und wann und wo dieser Teil genau spielt. Da der Ort Dresden und die Zeit großen Einfluss auf die Handlung haben, wäre es besser gewesen, wenn beides schon früher klar geworden wäre. Auch insgesamt entwickelt sich im Gegenwartsteil der Spannungsbogen nur sehr langsam; man weiß lange Zeit nicht, worauf er hinauslaufen könnte.

Sehr authentisch wirken die Schilderungen des Alltags in der Altenpflege.

Doch ist das Verhalten des Enkels insgesamt für einen 23jährgen schon ziemlich irrational.

Und auch sonst hapert hier die Logik manchmal:

Das Kapitel, in dem sich die Nachbarin als heimliche Nationalsozialistin bekennt, passt nicht zu ihrem sonstigen Verhalten. Sie muss doch im Laufe der Zeit herausbekommen haben, dass auch Elsa eine Jüdin ist. Dies ist ein Kapitel von der Art, die einem beim Schreiben mal in den Sinn kommen können, die man beim Überarbeiten aber besser streicht. Eben weil sie sich mit dem Rest der Handlung „beißen“.

Und gegen Schluss trifft der Erzähler auf einen Heimbewohner, der ihm – zunächst – Mut macht. Nur ist dessen Erzählung von seiner Karriere als Autohändler in der DDR, und wohl nicht allzu lange nach dem Krieg, gerade dort nur schwer vorstellbar.

Schön ist das letzte Kapitel aus Elsas Jugend, auch wenn hier der weitere Verlauf und weshalb sie den Krieg überlebt hat, nur angedeutet wird.

Auch der Schluss des Gegenwartsteils setzt ein Zeichen, wenngleich das Ende nicht unbedingt so hätte kommen müssen.

Insgesamt bleibt aber ein guter Gesamteindruck.

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